PM: In Berlin wächst der Hunger

Jede*r Zehnte lässt aus finanzieller Not Mahlzeiten aus

Berlin, 1. Oktober. –  Ernährungsarmut ist in Berlin längst keine Randerscheinung mehr. Das zeigen vorläufige Ergebnisse einer für Berlin repräsentativen Umfrage, die der Ernährungsrat Berlin im Rahmen des EU-Forschungsprojekts „FoodCLIC“ (1) mitbeauftragt hat.   

Rund zehn Prozent der Berliner Bevölkerung verzichten aus finanzieller Not auf Mahlzeiten. Unter den Menschen, die mit einem Einkommen unterhalb der Armutsgrenze leben, ist sogar jede*r Dritte betroffen. Besonders alarmierend: Fast sieben Prozent der Befragten gaben an, aus finanziellen Gründen teilweise auch einen ganzen Tag lang nichts zu essen. Unter den armutserfahrenen Befragten betrifft dies sogar rund ein Viertel.

„Wenn Löhne nicht zum Leben reichen und die Sozialhilfe keine ausreichende und vollwertige Ernährung ermöglicht, sparen Menschen sich buchstäblich das Essen vom Munde ab. Unsere Zahlen zeigen, dass sich das Problem in Berlin gegenüber dem Bundesdurchschnitt deutlich zuspitzt,“ sagt Saskia Richartz vom Ernährungsrat Berlin.

Die von der Gesellschaft für innovative Marktforschung (GIM) erhobenen Daten (2) ermöglichen einen umfassenden Einblick in die Lebenssituation der Befragten. Besonders groß ist die Not in drei Gruppen: bei Familien mit Kindern, bei älteren Menschen und bei jungen Erwachsenen. Fast zwölf Prozent der Befragten mit mindestens einem noch nicht eingeschulten Kind im Haushalt gaben an, dass Mahlzeiten ihrer Kinder aus Geldmangel zeitweise kleiner ausfielen oder ausfallen mussten.

„Senat und Bezirke müssen Ernährungsarmut stärker in den Blick nehmen und gezielt gegensteuern  ̶  etwa mit einem Verschreibungsprogramm für Obst und Gemüse. Der Ernährungsrat erprobt mit `Gemüse auf Rezept´ ein solches Modell derzeit in Neukölln: 13 Patient*innen erhalten auf ärztliche Empfehlung bezuschusste, wöchentliche Obst- und Gemüselieferungen. Was derzeit aus Projektmitteln finanziert wird, sollte künftig als Leistung der Gesundheitsprävention oder öffentlichen Daseinsvorsorge staatlich übernommen werden“, fordert Amna Alhashemi vom Ernährungsrat Berlin (3).

„Um Ernährungsarmut zu bekämpfen, braucht es das Engagement aller demokratischen Parteien. Viele Lösungen sind andernorts bereits erprobt. Das Kiezkantinenkonzept der Berliner Linken ist ein guter Anfang – die zukünftige Regierung sollte diesen Ansatz aufgreifen und um weitere Lösungen ergänzen“ fügt Richartz zu.

Die Position des Ernährungsrats zu den anstehenden Koalitionsverhandlungen finden Sie hier: https://ernaehrungsrat-berlin.de/wp-content/uploads/2026/10/Ernaehrungsrats-Berlin-zu-den-Berliner-Koalitionsverhandlungen_final.pdf

Hintergründe:

(1) Das Forschungsvorhaben „FoodCLIC“ des Ernährungsrats Berlin und der Humboldt-Universität zu Berlin ist richtungsweisend für die Entwicklung wirksamer Maßnahmen zur sozialen Teilhabe und Prävention von Ernährungsarmut. Es zeigt konkrete Handlungsoptionen für die dringend notwendige Neugestaltung der Ernährungsversorgung in Berlin auf. Ziel ist es, die Nahrungskette klima- und umweltresilient sowie sozialverträglich zu gestalten. Die Projektförderung stammt aus dem EU Horizon Europe Programm. Mehr Infos unter https://ernaehrungsrat-berlin.de/aktivitaeten/recht-auf-nahrung/foodclic/ und https://foodclic.eu/

(2) Die Daten der Ernährungsarmutsbefragung wurden von der Gesellschaft für Innovative Marktforschung (GIM) im Zeitraum vom 6. Juni bis 22. Juli 2026 mittels Telefoninterviews (CATI) und eines Online-Panels (CAWI) erhoben. Befragt wurden 1.018 Menschen in Berlin auf Grundlage einer statistisch repräsentativen Stichprobe und eines Fragebogens mit 27 themenbezogenen Fragen. Die genannten Kerndaten wurden in einem Faktenblatt der Humboldt-Universität veröffentlicht. Eine umfassende Auswertung der Befragungsdaten ist in Vorbereitung. Link zum Faktenblatt: https://doi.org/10.5281/zenodo.22769471

(3) Das Projekt „Gemüse auf Rezept“ setzt der Ernährungsrat Berlin, in Kooperation mit dem Stadtteil-Gesundheits-Zentrums des Geko e.V. in Neukölln um. Es ist Teil des FoodCLIC Forschungsvorhabens und wird ebenfalls von der Humboldt-Universität zu Berlin wissenschaftlich begleitet und ausgewertet. Mehr Information https://ernaehrungsrat-berlin.de/aktivitaeten/recht-auf-nahrung/gemuese-auf-rezept/

Pressekontakt:

Saskia Richartz, Ernährungsrat Berlin, Projektleitung und Pressekontakt Ernährungsarmut: 0177 890 50 54

Amna Alhashemi, Ernährungsrat Berlin, Umsetzung „Gemüse auf Rezept“: 0176 315 041 73

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