Essen als öffentliche Aufgabe: Warum Berlin Kiezkantinen braucht

In Berlin gab es Ende des 19. Jahrhunderts mehrere Jahrzehnte lang bis zu 15 Volksküchen. Damit war Berlin zusammen mit Leipzig und Dresden in Deutschland vorneweg – und könnte es jetzt wieder werden. Der Ernährungsrat Berlin setzt sich dafür ein, dass in allen Bezirken künftig mindestens eine öffentliche Kantine eröffnet wird, in der es günstiges und gutes Essen für alle gibt.

Was auf den Tisch kommt, sollte sich an der Planetary Health Diet orientieren – also nahrhafte Mahlzeiten, die sowohl die menschliche Gesundheit fördern als auch gut für den Planeten sind. 

Blick zurück:

1866 gründete Lina Morgenstern zusammen mit anderen Frauen die erste Volksküche in Berlin. Ziel der Frauenrechtlerinnen und Sozialaktivistinnen war es, dem wachsenden Elend  in der Stadt etwas entgegen zu setzen. Nach und nach eröffneten sie weitere Kantinen, die zum Großteil durch ehrenamtliches Engagement betrieben wurden und allesamt ohne staatliche Unterstützung auskamen. Professionellen Köchinnen bereiteten jeden Tag einen günstigen Mittagstisch her; in der kalten Jahreszeit gab es auch Abendessen. Das Essen wurde zum Selbstkostenpreis abgegeben. Zeitweise gab es berlinweit 15 Kiezkantinen; zwei waren ausschließlich für Frauen zugänglich.

„Die größte Kulturaufgabe unserer Zeit ist die Lösung der sozialen Frage“, so Morgenstern. In vielen Arbeiterhaushalten werde kaum gekocht, weil es an Zeit, Kraft, Feuerung und Geld für Zutaten mangele, hatte sie beobachtet. Morgenstern veröffentlichte auch ein Kochbuch, das bewährte Rezepte aus den Volksküchen enthielt.

1873 bereiteten die Berliner Volksküchen über 2,3 Millionen Mahlzeiten zu. Durch einen Reservefonds gelang es, die Preise auch in Zeiten außergewöhnlicher Teuerung von Fleisch und Kartoffeln stabil zu halten. Eine halbe Portion kostete 15 Pfennig, eine volle Portion 25 Pfennig – und war damit auch für Lohnabhängige und ihre Familien bezahlbar. Ab 1877 organisierten die Küchen ihren Einkauf gemeinschaftlich, was sie wirtschaftlich tragfähiger machte. Allerdings mussten mehrere Volksküchen in dieser Zeit trotzdem aufgeben, weil die Mietkosten stiegen und für den Verein nicht mehr zu tragen waren.

Im 1. Weltkrieg gab es in Berlin 11 Hauptküchen und 62 Essens-Ausgabestellen. Anders als vorher bei den Volksküchen sollte das Essen in der eigenen Häuslichkeit verzehrt werden, weil das den bürgerlichen Vorstellungen entsprach. Zugleich gab es aber auch Lieferungen an Fabriken.

Alle Bewohner*innen Berlins hatten das Recht, von der  Essensverteilung zu profitieren. Die Abholwege sollten maximal 10 bis 12 Minuten lang sein. Es gab vier Gemüsetage, einen Fisch-, einen Hülsenfrucht- und einen Teigwarentag. Wöchentlich wurde mit 2 x 50 Gramm Fleisch pro Gericht kalkuliert, samstags sollten es 75 Gramm sein. Auch in dieser Zeit wurden die Mahlzeiten zum Selbstkostenpreis von 40 Pfennig abgegeben. Ziel war es, den Menschen im Krieg die Sorge um die Hauptmahlzeit und die Mühe der Lebensmittelbeschaffung zu nehmen.

Frühstück und Mittagessen in Schulen organisierten zwei Vereine damals schon länger. Schon damals gab es die Sorge, dass sich Kinder aus armen Elternhäusern schämen würden, wenn die Unterstützung für die Klassenkamerad*innen offensichtlich würde. Deshalb erhielten die Kinder optisch einheitliche Essensmarken.

Die heutigen Probleme und Diskussionen ähneln denen vor hundert Jahren auf erschreckende Weise.

Literatur:

Festschrift zum fünfundzwanzigjährigen Jubiläum des Vereins der Berliner Volksküchen von 1866 : 1866 – 1891. Verfasst von Lina Morgenstern, Berlin 1891

Die Städtische Volksspeisung in Berlin (Kriegsjahr 1916). Berlin: Loewenthal 1916

Die Not in Berlin: Tatsachen und Zahlen. Gustav Böß, Berlin 1923

Die Schulspeisung in Groß Berlin. Helene Simon, Jena 1912

Beitragsbild: Hamza Qabbani

Kiezkantinen für alle Bezirke!