Ernährungscampus – Vollbremsung am Tempelhofer Flughafen

Im Koalitionsvertrag steht zum Flughafengebäude Tempelhof: „Das Nutzungskonzept wird partizipativ entwickelt und soll bereits parallel zu den notwendigen Sanierungsmaßnahmen Nutzungen und einen Gedenkort ermöglichen.“ Doch nun sollen die Bürger*innen offenbar erst einmal 5 bis 15 Jahre vor der Tür warten, bis sie sich wieder äußern dürfen.

Der Ernährungsrat plant zusammen mit thf.vision einen Ernährungscampus im Gebäudeteil K2 einzurichten – einen Experimentier-, Forschungs-.und Bildungsort, wo eine klimaneutrale, gerechte Ernährungsweise ausprobiert, erforscht und vorangetrieben wird und wo die Berliner Bevölkerung für das Thema begeistert werden soll. Von der Senatsverwaltung für Justiz, Verbraucherschutz und Antidiskriminierung (SenJVA) kam dafür sowohl finanzielle Unterstützung als auch eine Bedarfsbekundung gegenüber der zuständigen Senatsverwaltung. Doch nun hat die Tempelhof Projekt GmbH (TP), ein hunderprozentiges Tochterunternehmen des Landes, erst einmal alle Fortschrittsmöglichkeiten gestoppt. Sie begründet das mit einem weitaus größeren Sanierungsbedarf als bisher angenommen. Auch in einer Pressemitteilung des Senats ist nun nichts mehr von der angekündigten Partizipation die Rede. 

Noch im Mai 2018 hatte Stadtentwicklungssenatorin Katrin Lompscher das Motto ausgegeben: Experimentieren! Öffnen! TP sollte alle Pläne des Gebäudes öffentlich zugänglich machen – was bis heute nicht geschehen ist.

thf.vision und der Berliner Ernährungsrat veranstalteten im Dezember 2018 einen Expert*innenworkshop zum Ernährungscampus. Im Vorfeld hatte eine TP-Mitarbeiterin erste experimentelle Nutzungsmöglichkeiten (Markt; Hochbeete) für Sommer 2019 in Aussicht gestellt. Am Workshoptag signalisierte eine andere TP-Mitarbeiterin dann aber, dass es keine experimentelle Nutzungen im Flughafengebäude mehr geben wird. Einzige Ausnahme: Das von der Senatskanzlei geförderte City Lab in H2rund. Das wird betrieben von der Technologiestiftung Berlin, hinter der Konzerne wie PwC, die Deutsche Bank, der Pharmakonzern Pfizer, Siemens u.a. stehen.

Im März 2019 erklärte TP: Vorausgesetzt der politische Wille sei da, könne der Trakt K2 in 2,5 bis 3 Jahren fertig saniert sein. Im Mai berichtet Geschäftsführerin Heim-Wenzler dann über das öffentlich unzugängliche Gutachten, das einen sehr schlechten Zustand und hohen Sanierungsbedarf des Gebäudes belege.

Der Berliner Ernährungsrat und thf.vision sind Praxispartner im internationalen  Forschungsprojekt FOODSHIFT 2030, das von der EU gefördert wird und im Januar 2020 startet. Gemeinsam haben wir bereits mehrere Workshops veranstaltet, um den Ernährungscampus vorzubereiten: Die Zivilgesellschaft sitzt in den Startlöchern – nun macht der Senat eine Vollbremsung. Das ist nicht nur superpeinlich gegenüber den internationalen Forschungspartnern. Es widerspricht auch dem Koalitionsvertrag. Wir fordern, dass der Ernährungscampus Priorität bekommt. Es darf nicht sein, dass die Tempelhof Projekt GmbH jetzt 5 bis 15 Jahre allein vor sich hinwerkelt und erst dann ein Partizipatiosverfahren über die Nutzung der sanierten Räume stattfindet. Das von TP vorgelegte Konzept 2030+ stellt eine nicht akzeptable Vorentscheidung dar, der Ernährungscampus taucht darin nicht einmal auf.

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