Bericht vom Vernetzungskongress der Ernährungsräte

„Ernährungsdemokratie jetzt!“: Erster Kongress der Ernährungsräte gründet bundesweites Netzwerk

Nicht einmal zwei Jahre nach Gründung des ersten Ernährungsrates in Deutschland hat sich am Wochenende ein Netzwerk aus mehr als 40 Ernährungsräten und Ernährungsrats-Initiativen aus dem deutschsprachigen Raum zusammengeschlossen. Unter dem Motto „Ernährungsdemokratie“ trafen sich in Essen knapp hundert Engagierte aus Deutschland, der Schweiz, Österreich und Südtirol auf dem ersten Kongress der Ernährungsräte, um demokratische Ernährungssysteme in den Kommunen aufzubauen. Internationale Ernährungsräte-Experten aus Brasilien, den USA, Kanada und Großbritannien unterstützten sie dabei. Nach einem Filmabend, tollen Berichten aus dem Ausland, einem fleißigen Austausch in vielen Workshops und einer Party stand am Ende fest: Die bestehenden Ernährungsräte und die vielen Gründungsinitiativen aus dem deutschsprachigen Raum wollen sich weiter vernetzen, Wissen teilen, neue Ideen gemeinsam ausarbeiten und so die „Ernährungswende von unten“ schnell nach vorne bringen.

Nach Berlin und Köln, die sich 2016 gründeten, gibt es Ernährungsräte inzwischen in Frankfurt am Main, Dresden, Oldenburg, Hamburg und im Saarland sowie in Oberösterreich, Zürich und Südtirol. Viele weitere stehen in Gründung. Doch wie gründet man eigentlich einen Ernährungsrat? Welche Akteur*innen sollten dafür in den Städten angesprochen werden? Welche Rechtsform sollte dieser haben? Welche Hindernisse gibt es und wie kann man diese überwinden? Zur Beantwortung dieser Fragen half unter anderem der Blick nach USA und Kanada, wo es die Vorbilder für die Ernährungsräte, die „Food Policy Councils“ bereits seit den 80-Jahren gibt. Dort sind die Councils inzwischen ein fester Bestandteil der kommunalen Ernährungspolitik.

Wayne Roberts, der fast dreißig Jahre den „Food Poliy Council“ in Toronto leitete (und eine sehr charismatische und sehr lustige Person ist), machte auf dem Kongress deutlich, wie viele Funktionen „Food“ für die Städte erfüllen könne. Werden Lebensmittel mehr gemeinschaftlich und regional erzeugt, hilft das nicht nur der Gesundheit, dem Umweltschutz und der lokalen Wirtschaft, ist Roberts überzeugt. Sondern dadurch wird auch soziale Gerechtigkeit und vor allem das Miteinander der Menschen in den Städten gefördert – auch über kulturelle, sprachliche oder andere Grenzen hinweg. Junge Ernährungsräte sollten diese positiven Effekte hervorheben und am besten durch tatkräftige Aktionen zügig beweisen. Dies erhöhe ihre Glaubwürdigkeit und die Aufmerksamkeit in den Kommunen. Auch empfiehlt Roberts, Jugend-Ernährungsräte zu gründen – vor allem die zur Jahrtausendwende Geborenen hätten ein hohes Interesse daran, gemeinsam über das Essen zusammenzukommen und die Ernährungspolitik selbst in die Hand zu nehmen.

Wie sich auf dem Kongress zeigte, kann die Struktur eines Ernährungsrates von Kommune zu Kommune völlig unterschiedlich sein, je nach den Gegebenheiten vor Ort. So sieht sich der Berliner Ernährungsrat im Gegensatz zum Kölner Pendant viel stärker als zivilgesellschaftliche Bewegung („bottom up“), die unabhängig von der Verwaltung eigene Forderungen in den politischen Prozess einbringen will. Der Kölner Ernährungsrat wiederum hat sich ganz bewusst breiter aufgestellt: Er setzt sich paritätisch aus Vertreter*innen der Stadtpolitik bzw. aus öffentlichen Instanzen, aus der Wirtschaft und der Zivilgesellschaft zusammen.

Heiß diskutiert wurde die Frage, inwieweit man konventionelle Landwirtschaftsbetriebe mit in den Prozess einbezieht. Eine strikte Trennung zwischen „gut“ (=Bio) und „schlecht“ (=konventionell) wurde zumindest von Wayne Roberts und im Workshop um den Kölner Ernährungsrat als eher wenig zielführend angesehen. Vielmehr sollten Ernährungsräte möglichst viele unterschiedliche Akteure an einen Tisch bekommen, um so die Idee einer nachhaltigen Lebensmittelproduktion breit in die Gesellschaft tragen zu können. Ernährungsräte könnten auch eigene Kriterien an eine „regionale und nachhaltige“ Lebensmittelproduktion erarbeiten. Auch in Berlin geht es nicht zum Beispiel nicht um Bio-Siegel, sondern um die Stärkung einer regionalen, bäuerlichen und nachhaltig produzierenden Landwirtschaft.

Hierbei und bei allen anderen wichtigen Fragen zur Gründung eines Ernährungsrates soll künftig das Netzwerk der Ernährungsräte helfen. Geplant ist, dass alle Initiativen sich über einen E-Mail-Verteiler austauschen, in den auch neue Interessierte aus dem deutschsprachigen Raum aufgenommen werden. Zum Eintragen genügt eine Mail (ohne Betreff und Text) an: ernaehrungsraete-subscribe[ät]lists.riseup.net. Weitere Plattformen zum Austausch und ein gemeinsamer Internetauftritt sind in Arbeit.

Wir vom Ernährungsrat Berlin gehen glücklich, erschöpft und höchst motiviert aus diesem Kongress. Wir hätten nie gedacht, dass sich in so kurzer Zeit so viele Menschen in Deutschland und über seine Grenzen hinweg für das Konzept der Ernährungsräte einsetzen würden. Wir danken allen Teilnehmer*innen und freuen uns sehr auf den gemeinsamen Weg hin zu einer Ernährungsdemokratie die schmeckt, Spaß macht, Menschen miteinander verbindet und unsere Städte zukunftsfähiger, gerechter, glücklicher und klimafreundlicher macht!

Das Programm des Kongresses findet Ihr hier.

Fotos und eine Dokumentation der wichtigsten Ergebnisse des Kongresses findet Ihr demnächst ebenfalls auf dieser Webseite.

Wer in den Verteiler des Netzwerks der Ernährungsräte aufgenommen werden will, schreibt bitte an info@tasteofheimat.de

Hier findet Ihr die Pressemitteilung zum Kongress.

Der Kongress wurde möglich gemacht durch die freundliche Unterstützung von: